Eine Frage der Ehre

Ich bin nicht sicher, dass alle renommierten Persönlichkeiten, die eventuell ebenfalls in Frage gekommen sind, die Position einer Notnagel-Bundeskanzlerin, eleganter ausgedrückt Übergangsbundeskanzlerin eingenommen hätten. Welcher Ruhm war da schon zu ernten? Wie viele Fallstricke waren von Haus aus gespannt worden?

Foto Bernd  Deschauer / pixelio.de

Heute hat sich Frau Dr. Bierlein nach etwa einem halben Jahr wieder verabschiedet. “Es war die größte Ehre meines Lebens”.

Ohne die Archive durchstöbert zu haben, ist es für mich gewiss, dass wir einen solchen Satz von aus dem öffentlichen Amt scheidenden Personen in den letzten Jahrzehnten recht selten oder gar nicht gehört haben. Diese Posten sind üblicherweise mit einem gerüttelten Maß von Verfügungsgewalt, Ansehen, einer guten Bezahlung, der beachtlichen Zahl von Privilegien und jeder öffentlichen Aufmerksamkeit verbunden. So hält die Bevölkerung dies alles für ein ausreichendes Äquivalent dafür, dass sich ein führender Politiker Tag und Nacht allen (un)denkbaren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten aussetzt. Das erspart auch, sich Gedanken darüber zu machen, ob die Begleiterscheinungen einer solchen Tätigkeit vielleicht nicht einmal dem sprichwörtlich “ärgsten Feind” zumutbar sind.

Fällt Ihnen auf, dass das Wort Ehre im letzten Absatz nicht ein einziges Mal vorgekommen ist? Wann fühlen Sie sich geehrt? Wenn – abgesehen von dem ganzen Klimbim, der mit einer Aufgabe verbunden ist – Sie außerordentliche Wertschätzung erfahren, wenn man Ihnen größtes Vertrauen entgegenbringt, wenn man ein hohes Gut in Ihre Hände legt, wenn Ihre persönliche Integrität nie in Zweifel gezogen wird.

Für die Übernahme  öffentlicher Ämter aller Art sollten das selbstverständliche Voraussetzungen sein. Der Verdienst von Frau Dr. Bierlein ist es nicht zuletzt, dass sie in der Zeit einer mit “fakes” überschwemmten Welt das öffentliche Amt wieder zu einer Frage der Ehre gemacht hat.

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Ein Gedanke zu „Eine Frage der Ehre

  1. Lieber Walter, du schreibst mir aus der Seele. Große Hochachtung, das Anforderungsprofil war aber auch maßgeschneidert für Frau Dr Bierlein. Besonders hervorzuheben ist auch die Sparsamkeit und Effizienz in der Amtsführung. Bedauerlich, man hätte sich das Ausdienen der Legislaturperiode auch gut vorstellen können.

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